Traum eines katholischen Pfarrers
von
einer christlichen Kirche der Zukunft
in der Schweiz.
 

Es ist Dienstagabend im Sommer 2050. Eine kleine Gruppe von Frauen und Männern versammelt sich im Haus der Familie Meier zur Feier der heiligen Eucharistie. Herr Meier ist bereits pensioniert. Bis vor kurzem war er noch Gemeindeschreiber. Seine Frau war vor der Heirat etliche Jahre als Lehrerin tätig. Als ihre beiden Kinder, die jetzt bereits verheiratet sind, grösser wurden, leitete sie mehrere Jahre als Präsidentin die Frauengemeinschaft. Nach der Pensionierung ihres Mannes machte Frau Meier einen zweijährigen Theologiekurs. Die Anregung dazu gab ihr eigentlich die Firmvorbereitungszeit ihrer Kinder. Da hatte sie sich mit ihrem Mann zusammen als tüchtige Firmhelferin betätigt. Jetzt leitet sie eine kleine christliche Gemeinschaft - befreundete Männer und Frauen der Familie Meier – und feiert mit diesen während der Woche regelmässig Eucharistie. Der Bischof hat sie durch Handauflegung dazu beauftragt.

Die Gottesdienstgemeinschaft macht sich heute Gedanken über den Schrifttext, der soeben verlesen wurde. „Die Ernte ist gross, aber der Arbeiter sind wenige“, heisst es da in diesem Text. Die Überalterung macht die Ernte nicht kleiner – eher noch grösser - , aber Arbeiterinnen und Arbeiter im Weinberg des Herrn gibt es jetzt glücklicherweise recht viele. Die Menschen haben den übertriebenen Materialismus und den krankhaften Individualismus satt. Viele haben ein richtiges Bedürfnis für religiöse Weiterbildung.

Unter den Anwesenden im Gottesdienst bei Familie Meier gibt es auch einige Schulkinder. Der Religionsunterricht findet nicht mehr in den Schulen statt, sondern in diesen kleinen christlichen Gemeinschaften. Er wird von den Eltern selber oder von andern engagierten Frauen und Männern erteilt. Im heutigen Gottesdienst wird unter anderem darüber verhandelt, wie man einigen notleidenden Menschen aus dem Bekanntenkreis helfen könnte. Auch einem älteren Mann möchte man beistehen, dessen Gattin vor kurzem gestorben ist. Vor zwei Monaten war sie noch im Gottesdienst und hatte die Krankensalbung empfangen. Es war in der gleichen Eucharistiefeier, in der auch ihr Urgrosskind getauft wurde. Vor einem Jahr haben sich die Eltern des Täuflings im Rahmen einer solchen Eucharistiefeier das Jawort gegeben. In diesen Gottesdiensten bei Familie Meier fühlen sich alle so richtig heimisch und geborgen und von allen angenommen.

Selbstverständlich gibt es neben diesen Kleinpfarreien, wie Frau Meier eine leitet, auch noch die Grosspfarrei. An allen Sonn- und Feiertagen kommen die kleinen Gemeinschaften zum grossen gemeinsamen Gottesdienst in der Pfarrkirche zusammen, die kürzlich renoviert wurde. Das Gemeindeleiter-Ehepaar Müller engagiert sich mit vorbildlicher Selbstlosigkeit für das Wohl und die religiöse Weiterbildung der Pfarreimitglieder. Von Beruf sind beide Sozialarbeiter und als solche von der Einwohnergemeinde angestellt und besoldet. Sie können daher die Pfarrei ehrenamtlich leiten. Beide haben zusätzlich ein Theologiestudium absolviert. Im Augenblick hat die Pfarrei grosse Schulden, und Frau und Herr Müller animieren die Gläubigen zu Spendefreudigkeit. Die Renovation der Kirche kam recht teuer zu stehen und wegen der Trennung von Kirche und Staat fliessen keine offiziellen Kirchensteuern mehr zu. Aber die Leute sind sehr zufrieden mit der Arbeit des Architekten, sodass das nötige Kleingeld schon noch aufzutreiben sein wird. Das Innere der Kirche wurde stark verändert. Anstelle der Bänke gibt es jetzt viele runde Tische. Jede „Kleinpfarrei“ hat einen eigenen Tisch. Für Kinder und Jugendliche gibt es spezielle Tische. An den einzelnen Tischen wird zunächst über die Schrifttexte des entsprechenden Sonntags nachgedacht und anschliessend können alle Notizen machen, welche dann von einer dazu bestimmten Person zusammengefasst und am Vorstehertisch im Zentrum allen Gottesdienstteilnehmern verkündet werden. Auch die Kleinkinder haben einen eigenen Tisch, an dem sie Zeichnungen machen dürfen von dem, was sie in der ihnen vorgelesenen biblischen Geschichte gehört haben.

Gebetet und gesungen wird gemeinsam. Gelegentlich gibt es auch sakrale Reigen. An besonderen Festtagen singt der Chor mit Orgel- und Orchesterbegleitung. Hinten in der Kirche befinden sich an der Wand spezielle Regale, wo alle Gottesdienstbesucher ihren eigenen Becher aufbewahren können. Es wird nämlich auch an Sonn- und Festtagen unter beiden Gestalten kommuniziert. Zur Kommunion werden vom Tisch im Zentrum aus die konsekrierten Gaben in Brotkörben und Weinkannen an die einzelnen Tische verteilt. Die Leute nehmen sich Zeit und haben das Bedürfnis andere zu treffen. Der Mensch wird wieder ernst genommen. Nach dem Gottesdienst wird auf dem Kirchplatz oder im Pfarreiheim ein Mittagessen angeboten. Während dieses gemeinsamen Mahles wird in geschwisterlicher Atmosphäre geplaudert und allerlei diskutiert und geplant. Am letzten Sonntag machte Frau Müller Propaganda für einen religiösen Weiterbildungskurs im Bezirkshauptort. Dort lebt eine grosse Gemeinschaft von zölibatären Theologinnen und Theologen; etwa 30 Frauen und 20 Männern, die unter anderem verantwortlich sind für Kurse, die engagierte Gemeindeglieder besuchen können. Die Mitglieder der Gemeinschaft sind gut ausgebildet in Theologie. Sie betätigen sich aber abwechslungsweise in einem bestimmten Turnus auch im Erwerbsleben und sorgen so für den Lebensunterhalt der Gemeinschaft. Bildlich gesprochen könnte man sagen: Sie sitzen „am Tisch der Vollkommenheit“ auf „dreibeinigen Gnadenstühlen“ (Gütergemeinschaft, Dialogbereitschaft und Ehelosigkeit um des Reiches Gottes willen) immer das Schriftwort vor Augen: „Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Es hat auch Witwen und Witwer unter ihnen. Alle haben sich für mindestens 10 Jahre zu diesem Gemeinschaftsleben verpflichtet. Die meisten erneuern alle 10 Jahre ihr Versprechen. Einige haben nach 10 Jahren die Gemeinschaft verlassen und geheiratet. Sie bleiben aber weiterhin in geistlicher Verbundenheit mit der Gemeinschaft. Es gibt auch ältere Ehepaare, die in dieser Gemeinschaft nach deren Regeln ihren Lebensabend verbringen, nachdem sie ihre Töchter und Söhne grossgezogen haben.

Ähnliche Gruppen gibt es an jedem grösseren Ort. Die grösste und bedeutendste Gemeinschaft ist die theologische Lehranstalt in der Kantonshauptstadt, wo der Bischof zusammen mit den Frauen und Männern, die Theologie dozieren, lebt. Hier werden zukünftige Gemeindeleiterinnen und -leiter, sowie Kursleiterinnen und -leiter ausgebildet. Übrigens hat sich auch in der Weltkirche vieles verändert. Die Altstadt von Jerusalem ist jetzt unabhängig und Zentrum aller jüdischen, christlichen und mohammedanischen Gemeinschaften. Der Vatikan wird von vielen Touristen als das eindrucksvollste Museum der zweitausendjährigen Christenheit bewundert (Stiftung für die Armen in der Welt).

Bifola Gründer: Josef Rogger 3.12.2009

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