Liebe mit Herz und Händen unsern Verein BIFOLA unterstützenden Freundinnen und Freunde

Bereits bin ich wieder seit einem Monat in der Schweiz und möchte Euch daher endlich einen kurzen Erlebnisbericht meines mehr als dreimonatigen Aufenthaltes in Ecuador zukommen lassen. Um es gerade vorweg zu nehmen: Im grossen und ganzen bin ich recht zufrieden mit den Projekten, die wir mit unsern Kleinkrediten unterstützen. Ich konnte feststellen, dass die Familien wirklich Fortschritte machen dank unserer Hilfe. Mit den Rückzahlungen funktioniert es mit wenigen Ausnahmen recht gut. Der grösste Erfolg ist mit der Kooperative La Victoria in der Nähe von Quito zu verzeichnen, die wir seit zwei Jahren mit Kleinkrediten unterstützen. Es handelt sich da um arme Familien von Aussenquartieren der Hauptstadt, die vom Staat etwa 25 km ausserhalb der Kapitale günstig Land kaufen konnten. Das Land hatten sie, aber es fehlte ihnen an Kapital, um Rinder, Hühner und Fische usw. zu kaufen. Und da konnten wir ihnen mit unsern Kleinkrediten helfen. Was mir vor allem grosse Freude bereitet, ist die Solidarität dieser Familien untereinander. Wenn jemand den Kredit im Moment nicht zurückzahlen kann, hilft ihm ein anderer aus, bis er selber imstande ist. Auch die mingas (Gemeinschaftsarbeiten) beeindrucken mich immer wieder.
Dieses Jahr haben wir wie schon 2010 auch wieder Reisen veranstaltet mit Leuten aus der Schweiz, die Ecuador und seine Leute kennen lernen wollten, und ich glaube sie waren wieder recht zufrieden mit unserem Programm.
Was mich persönlich jedes Mal von neuem strapaziert, ist der Zusammenprall der Kulturen; und zwar vor allem der Umstand, dass ich eigentlich in beiden Kulturen gut daheim bin, dann aber zwischen den beiden als Sandwich dastehen muss. Ich muss immer wieder die Einstellung und Haltung der einen Kultur vor den Menschen der andern Kultur verteidigen. Und das braucht Nerven. Das könnt Ihr mir glauben. Es geht mir wie jener Missionarsfrau eines lutherischen Missionars in Neuguinea, von der uns Pater Edwin Gwerder in seinem Fidei-Donum-Rundbrief schrieb. Ich möchte Euch ihre Überlegungen zum besseren Verständnis meiner Situation im Folgenden zu Gemüte führen. Sie schreibt in ihrem Tagebuch: „Das Arbeiten mit Neuguineern ist oft schwierig. Wir sind enttäuscht, wenn sie unseren Erwartungen nicht entsprechen. Für uns sind Pünktlichkeit, Fleiss, Ordnung, Sauberkeit und Ehrlichkeit unaufgebbare Werte. All diese Eigenschaften haben für sie nur einen relativen Wert. Ihnen fällt es schwer, zwischen öffentlichen und privaten Geldern zu unterscheiden. Wir sagen: sie sind unehrlich. Ihnen ist es unmöglich, uns die Wahrheit, wenn sie unangenehm ist, ins Gesicht zu sagen. Wir sagen: sie sind nicht aufrichtig, sie sind feige und konfliktscheu. Ihnen fällt es schwer, pünktlich zu sein, selbst wenn sie eine Uhr haben. Es ist in Neuguinea nicht wichtig, ob man eine Stunde früher oder später kommt. Zeit und Pünktlichkeit haben die Weissen eingeführt. Die Werte der Neuguineer sind ganz andere. Für sie kommt es drauf an ein Herz und eine Seele zu sein. Einmütigkeit in einer Gruppe ist eines der höchsten Ziele. Weiter möchte man ein gutes Haus, eine Familie ohne Probleme haben, keine Krankheit oder Not. Und man möchte fröhlich und sorglos sein. Da sie dieses Prinzip dann auch auf die Geschäftswelt übertragen, geht fast jedes Geschäft früher oder später in Konkurs: Man gibt und leiht umsonst, bis der Laden leer ist.
Da das neuguineische Denken, Fühlen und Verhalten so anders ist als unser eigenes, kommt es zu Konflikten. Nichts klappt.
Wir messen den Erfolg einer Sache. Sie überlegen, ob dabei die menschliche Beziehung verletzt wird, und reagieren deshalb ganz anders als wir es erwarten. Man erschrickt darüber und versucht, Aggressionen beiseite zu schieben und nun gerade besonders freundlich zu sein, was man aber nicht lange durchhält und was durchschaut wird. Unterdrückte Frustrationen werden an anderen Stellen abreagiert. Man kann nur so mit seinen Gefühlen von Enttäuschungen und darum von Hass fertig werden, dass man sie sich eingesteht und als Schuld vor Gott anerkennt und bekennt, dass man aber auch zu den Neuguineern, denen man Unrecht getan hat, hingeht und sie um Entschuldigung bittet.“ Soweit die lutherische Missionarsfrau. Selbstverständlich sind Neuguineer und Ecuadorianer zwei verschiedene Völker. Aber sie haben gleichwohl sehr viele ähnliche Gewohnheiten und Werthierarchien. Ich bitte Euch aber gleichwohl auch in Zukunft ihnen mit Wohlwollen zu begegnen und für sie weiterhin ein offenes Herz und offene Hände zu haben und danke allen für ihre Grosszügigkeit.

Josef Rogger
 

Bifola Gründer: Josef Rogger 6.12.2011

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